Mittwoch, 16. Oktober 2013

Über reduktionistische Materialismen und den Zweifel

Geist und Kosmos, so heißt ein Buch, das ich gestern in meiner Buchhandlung erstand und sofort zu lesen begann. Thomas Nagel, ein amerikanischer Philosoph, führt darin seine Zweifel an der herrschenden Meinung aus, die Naturwissenschaften könnten mithilfe phyisikalischer und chemischer Mechanismen alles, insbesondere den Menschen und den menschlichen Geist erklären. Eine andere Erklärung sei nicht zulässig. So etwas nennt man Reduktionismus, und Nagel behauptet wohl nicht ganz zu Unrecht, das sei die “gängige Orthodoxie” unter Physikern, Biologen und Neurowissenschaftlern. Aber er sei unzureichend, so Nagel.
Für gläubige Menschen ist damit ein Problem angesprochen, dass sie scheinbar nur entweder naturwissenschaftlich denken oder unabhängig davon an einen Schöpfergott glauben können. Beides miteinander sei unversöhnbar. Interessant ist, dass Thomas Nagel für sich in Anspruch nimmt, ungläubig zu sein und den Glauben sogar abzulehnen, weil ihm nämlich der “Sinn für das Göttliche” (sensus divinitatis), wie er schreibt, völlig abgehe. Er hat aber trotzdem Zweifel daran, dass sich das Universum und besonders der menschliche Geist mit all seinen Errungenschaften auf allein physikalische Gesetzmäßigkeiten, auf ungerichtete Mutation und Selektion zurückführen lässt.
Dazu kam mir eine grundsätzliche Überlegung: Der Zweifel alleine mag vielleicht Thomas Nagel befriedigen, die Mehrheit der mir bekannten Menschen wird damit nicht glücklich. Zweifel kommt dann auf, wenn das Vertrauen in eine Lösung nicht mehr hält, ist aber selbst keine Lösung. Zweifel führt dazu, dass wir nach neuen Wegen suchen. Der Reduktionismus ist aus einem Zweifel entstanden. Er hat deshalb gelegentlich so aggressive Züge, weil er zu Beginn als Instrument eines kämpferischen Atheismus im Kampf gegen die Religion eingesetzt wurde. Das ist heute wohl kaum bekannt, findet sich aber wieder, wenn die Vertreter eines "Neuen Atheismus" mit naturwissenschaftlichen Thesen argumentieren.
Wenn ein gläubiger Mensch oder gar ein Theologe wie ich diese Thesen liest, kommen selten Zweifel am Gottesglauben auf, denn der wird dort gar nicht berührt. Die Angriffe richten sich gegen ein Zerrbild des Glaubens. Und auch der Reduktionismus versucht etwas zu reduzieren, was eigentlich gar nicht Gegenstand christlichen Glaubens ist. Denn Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, kann sehr wohl auch im Einklang mit physikalischen Gesetzen gedacht werden, ohne deshalb naturwissenschaftliche Erklärungen zu entwerten. Und der Zweifel an Gott ist auch möglich, ja nötig, wie der Zweifel an mir selbst. Er führt aber dazu, dass ich mich vertieft mit meinem Glauben beschäftige. Ich habe dabei Gott immer wieder gefunden.

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