Das große Aber hat keinen guten Ruf. Meistens begegnet man dem Wort, wenn auf eine gute Nachricht eine schlechte folgt. Doch davon möchte ich hier nicht schreiben. Ein anderes Aber findet sind nämlich in einer großen Gruppe von Psalmen, die von den Fachleuten Klagelieder genannt werden. Wie alle Psalmen des Alten Testaments kommen sie aus bestimmten Lebenssituationen und laden die Betenden dazu ein, sich selbst mit dieser Situation zu identifizieren. Wer selbst leidet, wird immer einen Psalm finden, der das eigene, spezifische, konkrete Leid auch in irgendeiner Weise abbildet.
Zuerst ist immer von einer konkreten Situation die Rede. Not oder Krankheit, Ausgrenzung, Isolation und zwischenmenschliche Probleme. Es gibt unendlich viele Facetten. Leid ist immer konkret und immer persönlch. Und allzu oft bin ich alleine. Es heißt: “Zum Spott geworden bin ich all meinen Feinden, ein Hohn den Nachbarn, ein Schrecken den Freunden; wer mich auf der Straße sieht, der flieht vor mir” (Ps 31,12). Im Leid ist es erlaubt, ein zu jammern. Ich kann mein eigenes Übel benennen und beklagen. Das ist wichtig so, weil es ehrlich die Situation anspricht.
Der Psalm bringt das Leid vor Gott. Ich kann Gott erzählen, was mich bedrückt. Heute bleibt man nur allzu oft dabei stehen, das Schlechte in der Welt und in meinem Leben anzusprechen. Im Psalm kommt hingegen ein Aber: “Ich aber, Herr, ich vertraue dir, ich sage: ‘Du bist mein Gott’.“ (Ps 31,15). Wer glaubt weiß, dass es immer noch mehr gibt, als die Situation jetzt, so traurig sie sein mag.
Falsch ist, wenn ich als Zuseher das einem Leidenden sage. Dann ist es eine schlechte Beruhigungsstrategie. Das steht mir nicht zu. Genauso falsch ist aber, wenn ich selbst leide, und mir den Gedanken verbiete. Dann habe ich mich im Leid eingerichtet. Das Aber zeigt in jeder Situation neue Wege. Der Gerechte Ijob sagt am Höhepunkt seiner Not: “Aber ich, ich weiß: mein Erlöser lebt, als Letzter erhebt er sich über dem Staub” (Ijob 19,25). Deshalb werden manche nie ein geglücktes Leben erreichen, weil sie immer in der konkreten Situation hängenbleiben, Ijob hingegen ist schon erlöst, weil er um das Aber weiß.
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