Sonntag, 7. Dezember 2014

Populus Sion, ecce Dominus veniet ad salvandas gentes

2. Adventsonntag
Der Herr wird kommen, um die Welt zu erlösen. Volk Gottes, mach dich bereit. Höre auf ihn, und dein Herz wird sich freuen (Jes 30,19.30)

Keiner wird uns helfen, so denken vielen. Hilf dir selbst, nichts anderes wirkt. Aber der Advent ruft genau das Gegenteil aus. Ich soll mich bereit machen, dass Gott selbst in mein Leben eintritt und es zum Besseren verändert. Die Erlösung kann ich nicht selbst machen, aber ich muss sie zulassen. Ich muss die Türen öffnen, dass Jesus in mein Herz kommen kann.


Welche Bedeutung hat das „Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria“ für unser (geistliches) Leben?

Genau neun Monate vor Maria Geburt feiern wir die Empfängnis Marias. Katholiken bekennen, dass Maria vom ersten Moment ihres Lebens an durch die Gnade Gottes von der Erbsünde bewahrt blieb. Damit hat Gott sie darauf vorbereitet, die Mutter Jesu Christi zu werden. Dieses Fest hat eine mehrfache Bedeutung für das eigene geistliche Leben.

1. Maria wurde durch dieselbe Gnade vor der Erbsünde bewahrt, die alle Getauften von der Erbsünde befreit. Damit wird deutlich, dass Maria eine von uns ist, die an Gott glaubt und sich von Gott retten lässt.

2. Gott hat Maria für eine schwere Aufgabe berufen, die weit über die menschliche Kraft geht. Dafür hat er sie durch die Gnade vorbereitet. Wenn Gott Menschen beruft, schenkt er ihnen zugleich Gaben, Talente, Charismen, mit denen sie die Herausforderungen bestehen können.

3. Gott schaut vom ersten Moment des Lebens an auf uns Menschen. Jedes Kind ist kostbar, weil Gott es wie Maria schon im Mutterleib beim Namen gerufen hat, ehe noch ein anderer Mensch bemerkt, dass es da ist.

Montag, 1. Dezember 2014

Ad te levavi animam meam, Deus meus

1. Adventsonntag
Zu dir, Herr, erhebe ich meine Seele. Mein Gott, dir vertraue ich. Lass mich nicht scheitern, lass meine Feinde nicht triumphieren! Denn niemand, der auf dich hofft, wird zuschanden. (Ps 25 [24],1-3)

Der Advent beginnt mit einem Aufruf an mich selbst: Erhebe dich! Es ist Zeit, aufzuwachen und sich zu bewegen. Viel zu lange schon schlummert der Glaube, niedergehalten vom Alltag. Jesus möchte mir begegnen, heute! Christen sollen immer im Advent leben, im Bewusstsein, dass es Zeit ist, dass wir unseren Glauben jetzt leben sollen, nicht aufgeschoben auf einen anderen Tag.

Montag, 10. November 2014

Das Wort Gottes und die Bibel

Am Ende einer Lesung heißt es: “Wort des lebendigen Gottes”. Weil wir von der Inspiration durch den Heiligen Geist ausgehen, nennen wir die Bibel Heilige Schrift. Was aber bedeutet Inspiration und wie könnten wir uns das Wirken des Geistes vorstellen?

Wenn man davon ausgeht, dass der Bibeltext sozusagen vom Heiligen Geist diktiert wurde und der Schreiber (Schreiberinnen vermutlich selten) einfach Wort für Wort mitgeschrieben hat, spricht man von Verbalinspiration. Dann ist jedes Wort unanfechtbar, ja sogar jeder Buchstabe, wie das etwa die Kabbalisten annehmen. Dann ist das Wort Gottes mit den Worten der Bibel identisch. Wenn ich dann etwas nicht verstehe, ist das allein meine Schuld. Ich muss mich einfach mehr bemühen oder die richtigen Leute fragen.

Wenn man aber davon ausgeht, dass Menschen von etwas erzählen, das von Gott gewirkt wurde, dass also die Geschehnisse mehr erzählen, als wir auf den ersten Blick vermuten, nennt man das Realinspiration. Die Israeliten sind durch das Rote Meer gezogen und haben dabei erfahren, dass Gott sie aus der Gefangenschaft führt. Davon erzählen sie. Die Aufgabe der Interpretation ist dann, Ereignisse als Wirken Gottes an seinem Volk zu verstehen.

Wirkt der Heilige Geist aber auf den Schreibenden selbst (und im übrigen auch auf die Lesenden), dann ist von Personalinspiration die Rede. Dann ist Inspiration ein dialogischer Vorgang zwischen Gott und Menschen. Wenn andere diese Texte lesen, dann ist ihre Aufgabe, sich sozusagen am Dialog zu beteiligen, wozu der Heilige Geist auch hilft. Das heißt aber, die Schrift als Wort Gottes zu lesen, ist nur im Glauben möglich - und das gilt jedenfalls auch für die anderen beiden Modelle.

Das Zweite Vatikanische Konzil favorisiert die letzte Vorstellung, das Erste Vatikanische Konzil und das Konzil von Trient lassen die Frage offen. Die Rede der Personalinspiration ist deshalb von Vorteil, weil sie Inspiration als einen lebendigen Vorgang fasst und weil sie manche Widersprüche schon im Ansatz verhindert. Was mit den anderen Vorstellungen gesagt werden möchte, dass sich Gott untrüglich in der Schrift mitteilt, das ist dabei auch aufgenommen. 

Sonntag, 2. November 2014

Wie soll man sich die leibliche Auferstehung vorstellen?

Als Christen glauben wir, dass wir einmal mit Leib und Seele auferstehen werden. Aber wir wissen nicht, wann, wo und wie das genau sein wird. Nicht nur ein geistiges Prinzip oder sozusagen die Software, die den Körper steuert, wird zur Auferstehung kommen, sondern das ganze Menschsein wird neu werden. Die Kirche glaubt also, dass die Auferstehung auch eine Erneuerung des Leibes bedeutet.
Leib ist mehr, als das Fleisch und die Knochen. Mein Leib verändert sich im Lauf des Lebens. Körperzellen sterben ab, neue entstehen, mein Aussehen wandelt sich. Durch meinen Leib bin ich ein Teil der Welt und gehöre zu ihrer Geschichte.
Werde ich im Himmel alt oder jung sein? Manchmal findet man die Vorstellung, ich würde mit dem Leib von 33 Jahren auferstehen, dem Alter Christi. Das ist ein Bild. Leibliche Auferstehung meint Begegnung mit Gott, mit meinem ganzen Leben, meiner Geschichte und meinen Beziehungen, ganz neu in einer ganz neuen Welt, nicht alt oder jung, sondern in der Fülle des Lebens.

Montag, 27. Oktober 2014

Gedanken zu einer theologischen Sprachlehre

Die Entwicklung einer theologischen Sprachlehre ist ein Desiderat. Aber sie ist notwendig, weil sie helfen kann, eine Not der Kirche und des Glaubens heute zu wenden: die Sprachlosigkeit. Die Verkündigung der Kirche gelangt nicht bis zu ihren Adressaten, weil sie nicht verstanden wird. Die Theologie löst Kopfschütteln aus, weil ihre Sprache jenseitig scheint. Daran ändert es auch nichts, dass Unmengen an Papier bedruckt und Legionen von Websites befüllt werden. Und es tröstet auch nicht, dass es in allen anderen Bereichen der Gesellschaft ähnlich aussieht. Obwohl sehr viel geredet und geschrieben wird, haben wir sehr oft den Eindruck, viele hätten nichts mehr zu sagen und würden schon gar nichts verstehen.

Es gibt eine Vielzahl von Formen, den Glauben zur Sprache zu bringen: Gebet, Zeugnis, Verkündigung, Katechese, Theologie, um nur einige zu nennen. Die Formen gehen ineinander über, aber es tut nicht gut, wenn sie vermischt oder gar verwechselt werden. Theologie ist nicht Verkündigung, aber beide brauchen einander. Wer Theologie treibt kann nicht zuerst fragen, wie kann ich diese Theologie gewissermaßen am besten verkaufen, sondern muss danach trachten, sachgerecht nach Antworten zu suchen. Der theologische Diskurs braucht einen geschützten Raum, damit er sich entfalten kann. Aber man darf nicht bei einem Binnendiskurs stehen bleiben, der sich gegen jede Einmischung von außen immunisiert. Was in diesem Raum wächst, muss auch hinausgepflanzt werden, um sich den Anfragen der Zeit zu stellen. Wer hingegen verkündigt, muss zuerst auf die Fragen der Menschen achten, sonst kann es sein, ja ist sogar sehr wahrscheinlich, dass die gegebenen Antworten ins Leere gehen. Eine solche Verkündigung wird kein Interesse finden - und das zurecht, denn sie ist “tönendes Blech”. Dann hilft auch die Klage nichts, dass angeblich heute kein Interesse am Glauben bestehe. Daran ist eine solche Verkündigung selbst schuld. Aber auch eine gelingende Verkündigung muss immer fest in der Theologie verankert sein, damit sie nicht versandet, sondern wirklich den Glauben ins Wort bringt, nicht sich selbst.

Theologische Sprache ist nie nur denotativ, als ob sie nur ewige, unveränderliche, wahre Sätze in einem logischen Puzzle zu verknüpfen hätte. Sie hat immer eine performative Ausrichtung, muss die Glaubensrede ins Heute übersetzen. Denn Theologie hat es mit dem Glauben zu tun, der meine eigene, existentielle Antwort auf die Anrede Gottes an mich ist, hier und heute. Daher kann die Theologie nicht bei einer sterilen, im Labor entwickelten Antwort stehen bleiben. Das macht sie anspruchsvoller. Sie muss immer nach dem Konkreten Fragen. Sie geht auch vom Konkreten aus, von Jesus, den wir als den Christus bekennen, den Sohn Gottes, der uns den Geist gesandt hat. Spürt man diesen Heiligen Geist in unserer theologischen Sprache?

Donnerstag, 9. Oktober 2014

Ich glaube - glaubst du?

Wenn man aus der Kirche Ausgetretene fragt, wie es jetzt um ihren Glauben steht, dann sagen viele: “Mein Glaube bleibt, daran hat sich nichts geändert.” Aber meinen sie damit den Glauben der Kirche, den Glauben an den Dreifaltigen Gott, den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist? Wenn sie diesen Glauben teilen, wie können sie dann öffentlich, vor einer staatlichen Stelle, mit einer schriftlichen Urkunde, sagen: Der Gemeinschaft, die das glaubt, will ich nicht mehr angehören? Oder hatten sie den Glauben vielleicht ohnehin schon vorher nicht mehr? Dann müsste man doch sagen, der Glaube, den sie vorher hatten und jetzt noch immer haben, war nicht der christliche Glaube. Doch halt, bevor irgendjemandem Glaube abgesprochen wird oder auch der Kirchenaustritt verharmlost! Ich frage grundsätzlicher: Was bedeutet es überhaupt, dass die Gläubigen in der Gemeinschaft der Katholischen Kirche einen gemeinsamen Glauben haben?

Wer getauft wird, muss sich zum gemeinsamen Glauben bekennen, indem der die Fragen des Apostolischen Glaubensbekenntnisses mit “Ich glaube” beantwortet. Sicher, bei den meisten haben das noch die Eltern getan, doch ehrlich, wir hatten bei Erstkommunion, Firmung, in der Osternacht und an jedem Sonntag genug Gelegenheit, das nachzuholen und zu erneuern. Die Kirche ist eine Glaubensgemeinschaft. Seit es in Mitteleuropa nicht mehr selbstverständlich ist, katholisch zu sein, seit die konstantinische, staatlich gestützte Religiosität zu Ende geht, wird das jeden Tag deutlicher. Natürlich gibt es vielerlei andere Gründe und Anlässe, die Menschen zur Kirche bringen: Vorbilder, die schöne Liturgie, das Gemeinschaftsgefühl, das soziale Engagement etc. Das ist alles wertvoll. Aber es muss zum gemeinsamen Glauben führen, denn sonst trägt es nicht.

Dieser gemeinsame Glaube hat es nicht zuerst mit irgendwelchen Dingen oder Sätzen zu tun, sondern mit Gott selbst, mit dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist. Aus der gemeinsamen Erfahrung der Begegnung mit dem lebendigen Dreifaltigen Gott durch die Geschichte der Kirche ist das Glaubensbekenntnis gewachsen. Diese Erfahrung ist der große Schatz der Kirche, aus dem sie jeden Tag neu lebt. In diesen Schatz bringen auch heute noch die Gläubigen ihre eigene Glaubenserfahrung ein. Das geht aber nur in der gemeinsamen Auseinandersetzung mit dem Glauben. “Ich glaube” zu sagen bedeutet auch, sich immer wieder neu fragen zu lassen: “Glaubst du wirklich?”, “Was glaubst du?” Wer zur Kirche dazu gehört, beantwortet diese Fragen, vielleicht nicht immer leicht, aber immer gerne, weil der Glaube ein persönliches Anliegen ist.