Donnerstag, 3. April 2014

Steinigung Jesu – Steinigung heute

Im Johannesevangelium zeichnet der Evangelist einen immer deutlicher werdenden Konflikt zwischen Jesus und manchen jüdischen Autoritäten, der dann letztlich in die Auslieferung an Pilatus mündet. Nachdem er die Steinigung einer Ehebrecherin verhindert hat mit den Worten: “Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein” (Joh 8,7), wird von verschiedenen Auseinandersetzungen erzählt. Jesus spricht über sich selbst, sein Verhältnis zum Vater und über die Taten der “Juden” (gemeint sind wohl Sadduzäer und Pharisäer). Mehr und mehr spitzt sich die Debatte zu, und nun wollen sie ihn steinigen, sie haben nämlich die Steine schon in der Hand (Joh 8,59; 10,31). Sie werfen ihm Gotteslästerung vor, Religionsfrevel. Was zunächst noch eine Auseinandersetzung um Gesetzesauslegung war, wird nun zu einer direkten, persönlichen Konfrontation. Jesus geht ihr nicht aus dem Weg. Obwohl er um die Gefahr weiß, geht er nach Jerusalem (Joh 11,8).

Die Steinigung ist in vielen alten Religionen belegt. Sie ist für schwere religiöse Vergehen vorgesehen. Damit soll alles Unreine aus dem Volk entfernt werden. Die Aufgabe einer kultischen Religion ist ja, die Gläubigen rein zu machen und so für die Begegnung mit Gott vorzubereiten. Jene, die nicht zur Glaubensgemeinschaft gehören, sind unrein. So zumindest die Vorstellung. In manchen Teilen der Erde wird sie heute noch oder sogar wieder praktiziert, obwohl sie uns zurecht völlig unzeitgemäß scheint.

Obwohl wir Steinigungen für barbarisch halten und völlig ablehnen, hat die moderne Gesellschaft viele Formen gefunden, Menschen auf andere Weise vorzuführen und zu “steinigen”, etwa im Gespräch, beim Tratschen hintenherum, über die Medien oder im Internet.

Das geschieht aus religiösen Motiven, so wenden sich fundamentalistische Moslems in vielen Teilen der Welt gegen Christen und andere Gläubige, Atheisten und säkulare Menschen gegen gläubige, aber auch Christen gegen die Angehörigen anderer Konfessionen oder sogar katholische, orthodoxe oder evangelische Gläubige gegeneinander. Und das Motiv ist immer das gleiche: die “richtigen” Gläubigen wollen die “falschen” Gläubigen entfernen, ja vernichten. Wo Menschen glauben, gibt es Auseinandersetzungen um den rechten Glauben. Und weil es beim Glauben um eine existentielle Sache geht, gehen die Konfrontationen tief ins Persönliche.

Das geschieht aber auch in der Gesellschaft, so bekämpfen einander die Angehörigen verschiedener politischer Gruppierungen, unterschiedlicher Nationalitäten und Schichten, Inländer und Ausländer, Nachbarn, Reiche und Arme, Frauen und Männer, Junge und Alte, Partner und Expartner, Menschen mit verschiedenen Ansichten und Gefühlen usw. Auch hier ist die Motivation im Grunde dieselbe: die “Richtigen” wollen die “Falschen” entfernen. Die Unterscheidung von “rein” und “unrein”, “drinnen” und “draußen”, “richtig” und “falsch” spielt in der Religion deshalb eine Rolle, weil sie urmenschlich ist.

Die Botschaft Jesu geht über diese Unterscheidung hinaus. Gott “lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte” (Mt 5,45). Die Feindes- und Nächstenliebe ist sehr schwer. Sie ist aber geboten, weil Gott alle Menschen liebt. Christen sollen vollkommen sein, wie Gott vollkommen ist (Mt 5,47). Ein erster Schritt dorthin ist, die Steine niederzulegen und nicht auf die anderen zu werfen.

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