Die Lektüre atheistischer Schriften sollte für jeden Theologen wichtiger Bestandteil seiner Arbeit sein, um die eigenen Argumentationen zu verbessern und die essentiellen Probleme zu erreichen. Aber diese Lektüre stellt uns Theologen auch vor große Herausforderungen. Daniel C. Dennett versucht in seinem Buch “Den Bann brechen” (“Breaking the spell” 2006, erst 2016 in deutscher Sprache erschienen) die Evolution der Religionen zu erklären und zu zeigen, dass man Religion mit den Methoden der Evolutionstheorie verstehen kann. Die Grundfrage aller atheistischer Literatur bleibt auch hier zu stellen: Was genau ist die Religion, von der hier geredet wird? Wer ist der Gott, den ein Atheist ablehnen soll?
Die Diskussion um den Glauben und die Religion als seine organisatorische Form (ich verwende einmal diesen einfachen Vorbegriff) ist schon recht alt. Sie fand immer als Diskussion um einen bestimmten Glauben statt, weil ein allgemeiner Begriff von Glaube und Religion, den Dennett und andere heute voraussetzen, ja immer erst im Nachhinein entwickelt werden kann. Auch die Kritik am Glauben und damit an Gott, der A-Theismus, kann eigentlich immer erst im Nachhinein entstehen, setzt sie doch den Glauben, den sie kritisiert, zuerst einmal voraus und kritisiert immer einen bestimmten Glauben, meist den christlich-jüdischen, heute oft auch den muslimischen. Umso bemerkenswerter ist, dass Dennett eine Zeit ohne Glaube postuliert, genauer eine, bevor es unter den Menschen Glauben gab. Er schreibt: “Es gab schließlich eine Zeit, in der es auf dem Planeten noch gar keine Gläubigen gab, in der es keinen Glauben an irgend etwas gab” (S. 132).
Ja, die Religionen, die wir kennen, sind allesamt jünger, als die ältesten bekannten geschichtlichen Daten. Aber kann man daraus schließen, dass der Glaube selbst damals noch nicht existierte? Gab es nicht vorher schon Glaubenserfahrungen? Und sind es nicht diese Erfahrungen, die zu dem Glauben hinführen, der von der Bibel bezeugt ist? Glaube ist doch notwendig, um sich im Leben zu orientieren, indem ich mein Leben auf etwas ausrichte und meinen eigenen Ursprung annehme. Sicher gab es eine Zeit, als noch keine Menschen auf dem Planeten lebten, keine empfindsamen Lebewesen, überhaupt keine Lebewesen. Aber ist die Menschheit ohne Glauben vorstellbar? Woran sollte sie sich im Leben orientieren? Wie sollten sie mit den Grundfragen des Lebens umgehen? Oder sollte man annehmen, diese Grundfragen würden erste entstehen, wenn es (strukturierte) Religionen gibt? Aber das widerspricht den fundamentalen menschlichen Erfahrungen.
Religionen weisen den Weg zu Antworten auf Grundfragen, denen sich Menschen stellen, zu allen Zeiten und an allen Orten. Genau genommen geben Religionen diese Antworten nicht, weil sie das gar nicht können. Sie führen den Glauben, damit die Glaubenden sich in der Suche, die ihr ganzes Leben darstellt, leichter zurechtfinden. Aber damit ist ein ganz anderer Begriff von Religion und Glaube erreicht, als der, den Dennett offensichtlich verwendet. Die von ihm untersuchte und kritisierte Religion hätte immer schon alle Antworten auf alle Fragen. Christen hingegen sollten ernstnehmen, dass Jesus nicht sagt: Ich habe die Antwort!, sondern: “Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben” (Joh 14,6). Dann beginnt der Glaube aber schon in dem Moment, wo ein Mensch beginnt, nach sich selbst zu fragen.
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