Dienstag, 9. September 2014

Orte des Glaubens

Demnächst beginnt wieder die Vorlesung “Grundfragen der Dogmatik”. Zu diesem Bereich hat der Grazer Dogmatiker Bernd Körner ein höchst wertvolles neues Buch geschrieben: Orte des Glaubens - loci theologici. Studien zur theologischen Erkenntnislehre (Würzburg 2014).

Die theologische Erkenntnislehre hat ohnedies heute eine schwierige Aufgabe, denn nach dem herrschenden Vorurteil, wonach zu glauben bedeutet, nichts zu wissen, ist der Zusammenhang von Wissen und Glauben problematisch. Wie soll man davon reden, dass man über den Glauben etwas wissen kann? Und wenn überdies der Glaube eine subjektive Angelegenheit ist, es also so vielerlei Glauben gibt wie Gläubige, was kein geringerer als Papst Benedikt XVI. betont hat, wie kann man sich dann überhaupt über den Glauben austauschen? Bleibt dann nicht alles im Subjektiven?

Beides spielt für die christliche Theologie eine Rolle: 1. Christen, zumindest für katholische kann ich hier authentisch sprechen, halten den Glauben für eine vernünftige Sache. Der Glaube an Gott ist nicht etwas Absurdes, sondern auf die Vernunft hingeordnet. Ich kann nur aus freier Entscheidung heraus glauben, und das nur weil ich das als geistiges, freies und vernünftiges Wesen möchte. Dazu braucht es auch ein gewisses Maß an Überzeugung, die aber nur durch Erkenntnis und Erfahrung gewonnen werden kann. 2. Glaube muss immer auch subjektiv sein, er ist nämlich die Antwort auf das Wort, dass Gott an mich selbst gerichtet hat. Wenn ich den Ruf Gottes in meinem Leben nicht spüre oder bewusst zu verdrängen trachte, kann ich nicht glauben. Über diese Antwort auf den Ruf Gottes kann ich mich mit anderen austauschen, weil auch sie so etwas verspüren. Bei der Verkündigung und bei jedem Glaubensgespräch muss ein Sprung von meinem eigenen, subjektiven Glauben zu einem objektiven Glaubenswissen gelingen, denn nur darüber kann ich ja reden. Anders gesagt, ein Glaubensgespräch ist immer ein Gespräch über gedeutete Erfahrungen.

Damit ist auch die Funktion der “Orte” und “Räume” des Glaubens klar. Sie ermöglichen Erfahrungen, die ich allein oder wir gemeinsam machen können. Wenn wir gemeinsam Orte aufsuchen, dann können wir diese Erfahrung auch teilen. Die Jünger sind gemeinsam mit Jesus nach Jerusalem gegangen. Diese Erfahrung des Miteinanderseins der Jünger mit Jesus ist konstitutiv für die Texte des Neuen Testaments und die Bildung der frühen Gemeinden. Aus dieser Erfahrung lebt die Kirche bis heute. Aber nur als einer, der selbst den Glauben erfahren hat, kann ich an diesem Glauben auch Anteil haben.

Der einzig mögliche Weg für die Theologie ist also, Orte der Glaubenserkenntnis aufzusuchen, die Heilige Schrift, die Tradition, die Kirche, die Geschichte, das Leben, und dort zu fragen, wie sich das Wirken Gottes in der Welt und an den Menschen zeigt. Nur wenn man eigene menschliche Erfahrungen im Gespräch so deuten kann, dass sie anderen verständlich werden, hat Wissenschaft insgesamt einen Sinn. Dann gilt das aber auch für Glaubenserfahrungen und für die Theologie als Wissenschaft.

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