Manchmal
tut es gut, einen Psalm auch in einer anderen Übersetzung zu beten. So
ist es mir heute mit Psalm 23 geschehen. Vers 8 lautet da: “Nur Güte und
Liebe werden mich verfolgen alle Tage meines Lebens”. Wer Psalmen betet
kann für gewöhnlich nicht jeden Vers mit der gleichen Aufmerksamkeit
singen. Aber manchmal bleibt man an einem Wort hängen, weil es gerade
das eigene Leben und Denken betrifft. Dann gelingt die Identifikation
des Beters mit dem Psalm und seinem Kontext, dann ist daraus mein
eigenes Gebet geworden.
In
diesem Fall gab die Wortwahl den Ausschlag. Die Einheitsübersetzung schreibt:
“Lauter Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang.” Hier ist die
Formulierung stärker. Was bedeutet es, dass ich von Güte und Liebe
verfolgt werden, und zwar ausschließlich? Ist das nicht ein ziemlicher
Euphemismus? Wir wissen doch, dass die Welt weder gut noch lieb ist. Wir
wissen, dass viele Christen verfolgt und bedroht werden. Von Güte und
Liebe ist da keine Spur. Und auch denen, die eine Humanität leben
wollen, geht es damit oft schlecht. Daher gilt es, als vernünftiger
Mensch stets auf der Hut zu sein. Redet also der Psalm hier nicht völlig
an der Realität vorbei und färbt die Welt in wunderbarem Rosarot? Wenn
das so ist, dann wäre die alte Kritik berechtigt, das Christentum diene
nur der Vertröstung.
Der
23. Psalm, “Der Herr ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen”, bringt
unbeirrbares Vertrauen in Gott zum Ausdruck. Er ist ein gutes,
fröhliches, vertrauensvolles Gebet. Aber wer ihn betet weiß auch, was
die finstere Schlucht und das Unheil sind. Er kennt die Not, bleibt aber
nicht dabei stehen, sondern sieht das große. Vielleicht ist das ein
wichtiger Hinweis für eine christliche Haltung. Was ich habe, ist mir
von Gott geschenkt. Als Christ weiß ich, dass alles, was geschieht, in
einem größeren Kontext steht, daher kann ich auch immer mehr sehen, als
nur gerade die unmittelbare Situation, mit dem Bild des Psalms: auch in
der dunklen Schlucht weiß ich, dass am Ende die helle Weite steht. Wer
auf Gott vertraut, wird von Güte und Liebe verfolgt, weil er die Güte
und die Liebe überall findet und zu schätzen weiß.
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