Mittwoch, 13. November 2013

Nur Güte und Liebe werden mich verfolgen alle Tage meines Lebens

Manchmal tut es gut, einen Psalm auch in einer anderen Übersetzung zu beten. So ist es mir heute mit Psalm 23 geschehen. Vers 8 lautet da: “Nur Güte und Liebe werden mich verfolgen alle Tage meines Lebens”. Wer Psalmen betet kann für gewöhnlich nicht jeden Vers mit der gleichen Aufmerksamkeit singen. Aber manchmal bleibt man an einem Wort hängen, weil es gerade das eigene Leben und Denken betrifft. Dann gelingt die Identifikation des Beters mit dem Psalm und seinem Kontext, dann ist daraus mein eigenes Gebet geworden.
In diesem Fall gab die Wortwahl den Ausschlag. Die Einheitsübersetzung schreibt: “Lauter Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang.” Hier ist die Formulierung stärker. Was bedeutet es, dass ich von Güte und Liebe verfolgt werden, und zwar ausschließlich? Ist das nicht ein ziemlicher Euphemismus? Wir wissen doch, dass die Welt weder gut noch lieb ist. Wir wissen, dass viele Christen verfolgt und bedroht werden. Von Güte und Liebe ist da keine Spur. Und auch denen, die eine Humanität leben wollen, geht es damit oft schlecht. Daher gilt es, als vernünftiger Mensch stets auf der Hut zu sein. Redet also der Psalm hier nicht völlig an der Realität vorbei und färbt die Welt in wunderbarem Rosarot? Wenn das so ist, dann wäre die alte Kritik berechtigt, das Christentum diene nur der Vertröstung.
Der 23. Psalm, “Der Herr ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen”, bringt unbeirrbares Vertrauen in Gott zum Ausdruck. Er ist ein gutes, fröhliches, vertrauensvolles Gebet. Aber wer ihn betet weiß auch, was die finstere Schlucht und das Unheil sind. Er kennt die Not, bleibt aber nicht dabei stehen, sondern sieht das große. Vielleicht ist das ein wichtiger Hinweis für eine christliche Haltung. Was ich habe, ist mir von Gott geschenkt. Als Christ weiß ich, dass alles, was geschieht, in einem größeren Kontext steht, daher kann ich auch immer mehr sehen, als nur gerade die unmittelbare Situation, mit dem Bild des Psalms: auch in der dunklen Schlucht weiß ich, dass am Ende die helle Weite steht. Wer auf Gott vertraut, wird von Güte und Liebe verfolgt, weil er die Güte und die Liebe überall findet und zu schätzen weiß.

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