Dienstag, 5. November 2013

Helden und Heilige heute

Ob ein Mensch heilig sein kann und wie das möglich ist, das gehört heute zu den umstrittenen theologischen Fragen. Viele Menschen haben Reserven, wenn es um die Heiligenverehrung geht. Manches daran scheint auch durchaus kritikwürdig. Anderseits ist die Sehnsucht nach Vorbildern und Fürsprechern, nach exemplarischen Menschen und Vertretern einer echten Nähe zu Gott sehr groß. Und dann hat das Zweite Vatikanische Konzil seine Dogmatische Konstitution über die Kirche Lumen gentium noch in einem Kapitel über die allgemeine Berufung zur Heiligkeit gipfeln lassen.
Wenn der Völkerapostel Paulus die Gemeinden, an die er seine Briefe schreibt, als “Heilige” anspricht, meint er nicht, dass sie alle perfekt sind. Paulus hält ihnen ja ihre Vergehen auch deutlich vor. Und doch sind alle Christinnen und Christen von Gott selbst zur Heiligkeit berufen und zur Heiligkeit befähigt. Heilig werden können nur die, die Gott, der selbst der Heilige schlechthin ist, nachahmen. Zuerst muss also klar sein: Gott ist der Heilige, und Jesus Christus, sein Sohn, und der Geist, den wir den Heiligen Geist nennen. Wir als Menschen können nur heilig werden, indem wir sozusagen ein bisschen von dieser Heiligkeit für uns abbekommen. Indem wir uns von Gott heilig machen lassen.
Als die Christen noch in kleinen Gruppen inmitten einer heidnlschen Welt lebten, war allen Gläubigen klar, dass sie heilig werden wollen und wie das geht. Wenn aber das Christsein in einer staatlich unterstützten Kirche selbstverständlich geworden ist, dann schwindet diese Klarheit. Dann braucht es Vorbilder, an denen ich Heiligkeit ablesen kann. Nicht zufällig entstehen nach der Konstantinischen Wende die ersten Klöster. Mönche und Nonnen entfliehen der Welt, um ausschließlich nach Heiligkeit zu streben. Sie werden so gewissermaßen unsere Vertreter bei Gott und die Vertreter des Heiligen in der Welt.
Diese Struktur beobachte ich auch heute. Menschen suchen nach Spiritualität, nach religiösen Erfahrungen. Sie suchen auch nach gelungenem Leben. Freilich ist das nicht einfach. Umso wichtiger erscheinen daher Menschen, die das vorleben. Papst Franziskus in seiner demonstrativen Schlichtheit kommt dieser Suche entgegen. Er steht für etwas, das viele schon vergessen haben. Er weiß scheinbar, worauf es wirklich ankommt. Aber auch andere Vorbilder sind in den Medien zu finden. Gleichzeitig müssen diese Vorbilder allzu oft auch meine Vorstellungen davon, was richtig ist, erfüllen. Und dann wiegt es doppelt schwer, wenn irgendetwas nicht perfekt ist, wenn jemand anders reagiert, als ich erwarte, Fehler macht, scheitert oder einfach nur menschlich handelt.
In der Medienwelt kann man Vorbilder austauschen, wenn sie nicht mehr passen. In der realen Welt ist das nicht mehr so leicht. Da muss ich mit Enttäuschungen zurecht kommen. Und auch bei den Heiligen, die man in der Kirche verehrt, passiert es immer wieder, dass dunkle Punkte erscheinen, mit denen ich nicht gerechnet hatte. Und dann kommen Zweifel auf: Wie kann so jemand heilig sein?
Da tut es gut, sich einige Grundsätze wieder neu ins Gedächtnis zu rufen:
1. Jeder darf, niemand muss Heilige verehren. Die Heiligenverehrung soll eine Hilfe für mein Leben und meinen Glauben sein. Das gilt, in der entsprechenden Weise, auch für lebende Idole.
2. Auch Heilige und Idole sind und bleiben Menschen, mit aller Fehlbarkeit, die dazugehört. Wir verehren sie ja gerade, weil sie sich in ihrer Menschlichkeit bewährt haben.
3. Bei aller Verehrung muss ich nie vor meinem Idol Bestand haben, sondern vor mir selbst und vor Gott. Mein Leben und meine Berufung sind mir selbst aufgegeben und ich kann meine eigenen Schwächen nicht dadurch verbessern, dass ich von anderen besonders viel Stärke verlange.
4. Die Vorbilder sollen mir helfen, meinen richtigen Weg zu finden. Tun sie das nicht, dann kann ich mir andere Vorbilder suchen, ohne deshalb den Respekt vor diesen Menschen zu verlieren. Respekt verdienen sie als Menschen aber auch deshalb, weil sie mir gestatten, bei ihnen in meinem kleinen Menschsein etwas zu lernen.

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